Der Jäger

Komisch, wenn Du im Licht einer einzigen Laterne Dich umschaust in diesem Märchenwald, wie viele Schauergestalten Du sehen kannst. ich wundere mich nicht, warum die Dörfler gerade diesen Abschnitt als „Märchenwald“ ansehen und selbst die Holzfäller es meiden, hier dem Tagewerk nach zu gehen.

Naja, ich als Jäger kenne mich in diesen Wäldern aus, aber mir glaubt keiner, wenn ich sage: „Dieser ist alles, aber weder ein Zauberwald noch ein Märchenwald“ Eine solche Geschichte eignet sich nur, um Kindern Angst machen, damit sie nachts nicht mehr in den Wald gehen. Recht so! Dieser Wald ist bei Nacht gefährlich, wenn auch nicht durch Mythen und Zauberei. Und dennoch, immer wieder laufen bei Nacht Kinder in den Wald… . Wisst Ihr eigentlich, was mich immer wieder ärgert? Diese Dörfler verlassen sich zu sehr darauf, daß ich sie wiederfinde und zurück bringe. Wie auch in dieser Nacht. Sie suchen ein paar Stunden und dann verschwinden sie wieder in ihr Dorf und sagen sich, morgen ist auch noch ein Tag. Und wehe, man hört im Wald noch einen Wolf irgendwo heulen. Dann laufen sie wie aufgeschreckte Schafe um ihr Leben. Und ich bin es dann, welcher hier alleine durch den Wald läuft und das Kind zurück bringt, wohl wissend, daß niemand mir auch nur ein bisschen Anerkennung zollen wird.“ Ärgerlich machte sich der Jäger alleine auf die Suche nach dem Kind. Er liebte diesen Wald, besonders dieses Stückchen, wo die höchsten Bäume stehen. Sehr oft hatte er früher mit seiner Tochter hier den Sonnenaufgang abgewartet, wenn die ersten Strahlen sich durch die Nebel bohrten und sie in die höheren Zweige vertrieb. Und eines Morgens war sie einfach nicht mehr da. Weggelaufen, eines Nachts mitten in den Wald. Er hatte sie nie wieder gefunden, und er trug die alleinige Schuld, hat die Haustür nicht abgeschlossen! Die Dörfler ließen ihn im Stich. Haben sie eigentlich jemals ein Kind wiedergefunden, wenn es sich nachts im Wald verirrte? Er kann sich nicht daran erinnern.

Er erinnerte sich noch gut daran, als seine eigene Tochter vor so vielen Jahren im Wald verloren gegangen ist. „Wir können nicht mehr tun…“ haben sie gesagt und sind umgedreht. Sie ließen ihn alleine in diesem Wald. Und wann immer er auszieht auf Jagd, sucht er nach seiner Tochter. Die Dorfjugend machte sich inzwischen lustig über ihn, und manch seltsames Gerücht über finstere Rituale, nach denen er sein Kind – seine einzige Tochter – geopfert haben soll, um mehr Macht zu bekommen über die alten Waldgeister. Er hatte sich schon damit abgefunden, doch der Schmerz sitzt tief.

So wanderte er durch die mondlose Nacht. Immer dichter und finsterer wurde der Wald im Schein seiner kleinen Laterne. Vorbeihuschende Schatten, die ihn umgaben, umgarnten und locken wollten… . Er schloß die Augen. „Trugbilder!“ , sprach er laut zu sich selber, „So etwas gibt es nicht!“ Als Antwort auf diese Frechheit hörte er im Wind ein leises Seufzen und ein Flüstern, der ihm einen kalten Schauer den Rücken hinterlaufen lies. Schon oft war er in mondloser Nacht hier im Wald auf Pirsch, aber dieses mal ist es anders. Er hatte das Gefühl, gejagt zu werden, Opfer in einem abartigen Spiel, welches ihn zur Beute machte. Was wäre eine schönere Beute als ein Jäger, welche die Tricks und Kniffe seine Opfer kannte? Er verwarf diesen Gedanken schnell und fing an, ein altes Kinderlied zu pfeifen. Für kurze Zeit half es, aber er wagt es nicht, sich um zu drehen. Nebel kam auf und zog in Schwaden langsam durch den Wald. Im Schein der Laterne sah der Jäger unwirkliche Gestalten, welche mit Tentakeln nach ihm greifen wollten, doch jedes mal, wenn er seine kleine Lampe ihnen entgegen stellte, scheuten sie zurück und wagten sich niemals näher heran als bis zum Rand des schwachen Lichtkegels. Trotzig schob der Jäger seine Lampe vor und schrie in die finstere Nacht: „Was wollt ihr von mir! Ich habe niemals etwas unrechtes getan!“ Als Antwort bekam er das schwache Schluchzen eines Kindes, irgendwo gar nicht weit weg vor ihm. Entschieden und mit festem Schritt bahnte er sich den Weg durch das feuchte Unterholz und lief auf das Schluchzen zu. Noch ein paar Minuten und er wird nicht mehr alleine sein. Die Laterne hoch haltend betrat er eine Waldlichtung. Die Nebelgeister zuckten vor ihm scheu zurück. Weit entfernt sah der Jäger eine Gestalt mitten auf der Lichtung, ein kleines Mädchen, welches zusammengesunken an einem Stein lehnte.

„Hallo, …“, sagte der Jäger sanft, als er sich langsam näherte, „keine Angst, ich bin hier, um dir zu helfen.“ Das kleine Mädchen umarmte ihn und hielt sich schluchzend fest. „Ich habe angst…“ flüsterte es in sein Ohr. „Brauchst du nicht, ich bin jetzt da. Sag mir doch, wo kommst du her?“ „Ich weiß es nicht“, antwortete das kleine Mädchen, „ Ich war schon immer hier.“ Er nahm das kleine Mädchen auf den Arm und schritt mit ihr durch den Wald in Richtung des Dorfes. „Wir finden deine Eltern schon.“ beruhigte er sanft das Kind auf seinen Armen.

So liefen sie in einer mondlosen Nacht durch den Wald. Das kleine Mädchen in seinen Armen schaute ihn mit bleigrauen Augen an und fragte nach seinem Namen. Dem Jäger erschauerte es unter dem Blick des Kindes, irgendwie schienen diese Augen ihn zu durchbohren. „Ich bin Piet, „ log er. Irgendwie wollte er diesem Kind einfach nicht erzählen, wer er wirklich war. Das Mädchen kuschelte sich an ihn und ihre kalten Hände zogen ihm die Wärme aus den Gliedern. „Ich bin Marie,“ sprach sie schutzsuchend, „bleibst du bei mir?“

Es ist schon lange her, aber dieses Kind erinnerte ihn stark an seine eigene Tochter, selbst der Name war gleich. Ihm wurde unheimlich. „Wir finden schon deine Eltern,“ wich er ihrer Frage aus. Der Nebel und die Finsternis wurde langsam drückend und Feuchtigkeit legte sich auf seine Kleidung. Er begann immer mehr zu frieren. Selbst die Flamme seiner Laterne schien sich zu verdunkeln und nicht mehr so warm und einladend zu leuchten. Er wischte diesen Gedanken bei Seite. Die Augen und seine Fantasie spielten ihm einen bösen Streich, hier in diesem Wald ist nichts, was er fürchten müßte! Und dennoch, er kam sich sehr einsam vor, auch wenn er nicht alleine war. Die Kälte fraß sich seine Beine hinab in die Füße, lähmten ihn allmälich. Immer noch schaute ihn das kleine Mädchen an, wärend sie, so kam es ihm vor, immer weiter in die Dunkelheit liefen, anstatt den Morgen endgegen. „Was hällst du von einer kleinen Pause, Marie?“, fragte er, wärend er sie absetzte und sich ein paar Minuten Pause gönnte. „ist es noch weit, Piet?“, fragte Marie Er schaute sich um…

Wo war er eigentlich? Er hat doch jedes Stückchen Wald hier schon durchwandert in den letzten 20 Jahren, aber dieser Ort kam ihm völlig fremd vor. „Noch eine Stunde etwa.“, log er sie wieder an. Ihre bleigrauen, forchenden Augen machten ihn nervös, und er wich ihrem Blick aus, indem er sich seinem Rucksack zuwandte und etwas zu Essen heraus zog. „Hast du Hunger, Marie?“

Mit jeder Minute, die sie hier saßen, schien die Dunkelheit und der Nebel dichter heran zu kriechen und sie verschlingen zu wollen. Was den Jäger aber nun besonders störte, war diese unnatürliche Stille, es ist, als ob die Welt den Atem anhielt und beobachtete, was sich hier an dieser Stelle ergab. So etwas hatte er noch nie erlebt. Langsam wurde ihm zumindest wieder warm, und so packte er seine Sachen geräuschvoll und hieß Marie, daß es an der Zeit wäre weiter zu gehen.

„bringst du mich jetzt nach Hause?“, fragte Marie auf seinem Arm. „Ja, „, versprach er, „ich werde dich nach nach Hause bringen.“ Das kleine Mädchen schmiegte sich wieder an ihn und wärmte sich die eiskalten Hände.
Wie lange waren sie so unterwegs? Er wußte es nicht mehr. Irgendwann ist die Laterne aus gegangen und in der Finsternis und dem Nebel lief er festen Schrittes weiter, bis er nicht mehr wußte, wo er noch hin gehen sollte. So beschloss er, auf den Morgen zu warten, legte sich hin, und das Mädchen kuschelte sich in seine Arme. Frierend schloß er die Augen und versuchte, noch ein bisschen zu schlafen, bis die frühen Sonnenstrahlen ihn wecken sollten. Dann, so war er sich sicher, würde er genau wissen, wo er sich ist und den Weg nach Hause finden…

Am nächsten Morgen kam ein Holzfäller aus dem Wald und hieß einigen, mit zu kommen. Er hätte den Jäger gefunden. Er war tot. Und in seinen Armen hielt er noch immer zärtlich das Skelett eines kleinen Kindes, ein Mädchen.
Doch erschrocken waren alle über den Gesichtsausdruck. Sein Gesicht lächelte, als habe er gefunden, was auch immer er suchte. Doch seine hohlen Augen ließen eindeutig erkennen, daß seine Seele nicht freiwillig aus dem Körper gezogen wurde.
Und noch etwas war seltsam:

Dort, wo die Überreste des kleinen Kindes seinen Körper berührten, waren Erfrierungen zu sehen. Und trotz allem schien der Körper nicht wirklich tot zu sein. Der Jäger und das Kind wurden gemeinsam beerdigt, auf daß ihre Seelen gemeinsam einen Weg nach Hause finden. Niemand wagte es, diese beiden Körper zu trennen.

Facebooktwitterredditpinterestlinkedinmail

Schreibe einen Kommentar